4. Marketing-Dialog: Die Retrowelle rollt
Die Retrowelle rollt, und Markenverantwortliche sollten
prüfen, wie sie diese Welle für sich nutzen können -
entweder für vermeintlich überholte oder aktuelle Marken.
Das war die Empfehlung von Hans-Georg Böcher, Direktor des
Deutschen Verpackungs-Museums in Heidelberg, an die rund 200
Teilnehmer des 4. Marketing-Dialogs am 20. April 2006 in der
Heidelberger Print Media Academy.
Der Blick zurück - nicht im Zorn, sondern mit Wohlwollen
- liegt in der Markenwelt im Trend. Die Gründe dafür
machte Hans-Georg Böcher an einem gesellschaftlichen
Phänomen fest. "Es liegt ein Schatten über
Deutschland", sagte er und skizzierte das diffuse Empfinden
der Menschen, dass alles nur schlechter werden könne.
Insbesondere in Deutschland sei der Pessimismus bekanntlich weit
verbreitet. Dieses Gefühl wird beispielsweise in Filmen wie
"Die fetten Jahre sind vorbei" aufgegriffen. Und in der
Tat, die Lage ist für viele Menschen nicht rosig. Deshalb ist
es nur verständlich, wenn sie sich an bessere Zeiten und
positive Erfahrungen zurückerinnern wollen.
"Der Retrowelle liegt das gesellschaftliche Phänomen
zugrunde, dass sich die Menschen durch den Rückbezug auf die
Vergangenheit der eigenen Position versichern wollen", sagte
Böcher. Positive Erinnerungen seien aber oft an Erfahrungen
mit Marken geknüpft. Das sei letztlich auch der Grund
dafür, warum Marken-Strategen scheinbar "tote"
Marken wiederbeleben könnten. So sind ABBA und Marvel-Comics
genauso wieder "in" wie Käfer/Beetle und MiniCooper
oder AfriCola und Ahoj-Brause.
Es existieren inzwischen sogar eigene
Retro-Produktkategorien, zum Beispiel Hemden, Fernsehen und
Tapeten. "Die Produkte vermitteln ein ganz bestimmtes
Lebensgefühl und signalisieren eine Sehnsucht nach dem Leben
jenseits von Hartz IV", erklärte Böcher. Der Kauf
von bestimmten Produkten sei eine Ehrerweisung an eine vermeintlich
bessere Zeit. Auch die Grafik vieler Retro-Markenstrategien greife
diesen Rückbezug auf. So erinnere die Farbwelt beispielsweise
an die Flower-Power-Zeit der 70er Jahre. Insbesondere Orange erlebt
derzeit eine Renaissance in Logos und als Produktfarbe. Als
Beispiele nannte Böcher BIFI-Salami und Boss-Parfums:
"Orange hat sich im Verbund mit der Retrowelle von der
Stör- zur Trendfarbe entwickelt."
Markenführung im Umfeld der Retrowelle
Der Retrotrend verläuft nach Ansicht von Böcher
auf zwei Ebenen: Erstens das Wiedererwecken von ehemals
erfolgreicher Marken; zweitens der Einsatz von Retro-Prinzipien und
-motiven für das Branding aktueller Marken. Zum Beispiel setzt
Apple auf eine nahezu monochrome und silhouettenartige Retro-Grafik
zur Markenbildung und Vermarktung des Ipod-Musikangebots. "Man
kann auch High-Tech-Produkte mit Retro aufladen", so
Böcher. Die Marke Apple werde optisch und durch die Auswahl
von bekannten Jazz-Stücken in der Werbung mit positiven
Erinnerungswerten besetzt. Dadurch gewinne sie an Sympathie. Ganz
generell gilt laut Böcher: Indem Retro die Marke
"informatorisch und emotional" differenziert, wird eine
"Gefühlsschneise zum Konsumenten" geschlagen.
Der Rat von Böcher an die Marketing- und
Branding-Kollegen: Carpe diem - jetzt sei die Chance, die
Retrowelle zu prüfen und zu fragen, wie sie das eigene
Branding und den Absatz unterstützen könne. Die
Retrowelle ignorieren und ihre Chancen verkennen, könne auch
heißen, die Marke zu gefährden oder zumindest Potenziale
zu ihrer Stabilisierung nicht zu nutzen. Als Negativbeispiel nannte
Böcher die Marke AEG im Bereich Haushaltsgeräte:
"Die Marke hat es versäumt, an die extrem guten
Erinnerungswerte der Nutzer anzuknüpfen, und sie hat zu lange
auf ein technologielastiges Branding gesetzt."
Nostalgie vs. Retro
In der anschließenden Diskussion grenzte Böcher
den allgemeinen Hang zur Nostalgie gegenüber der aktuellen
Retrowelle dadurch ab, dass sich Ersterer stets auf das
Altbewährte konzentriere und es auch so belasse. Retro bedeute
dagegen, die Wahrnehmung des Produkts zu verändern, es zu
aktivieren und weiterzuentwickeln. Wagemutigen bieten sich deshalb
auch weiterhin Chancen. Nur allzu lange warten sollte man nach
Ansicht von Böcher nicht mehr: "Jetzt ist die Zeit, aus
ehemaligen Top-Marken wieder etwas zu machen", sagte er und
nannte Libella als Beispiel für eine Marke, die noch auf ihre
Wiederbelebung warte.
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